Monat: Mai 2013

Das war japanisch

Gestern war zum 12. Mal der Japan-Tag in Düsseldorf. Ein riesen Spektakel zu dem alljährlich ca. eine Million (!) Besucher erwartet werden. Keine Frage, da musste ich auch hin. Ich mache mir nicht viel aus großen Festen, aber ich habe mir dieses Fest wirklich toll vorgestellt, denn ich mag die japanische Kultur. Kirschblüten, Origami, Kalligrafie, bunte Muster, Kitsch, Samurai, Ninjas, Geishas, Mangas, Computerspiele, Technik usw. Einem fällt doch direkt soviel typisch japanisches ein. Es hätte ein buntes Erlebnis sein können. Aber wie sah die Veranstaltung größtenteils aus? Eine lange Reihe weißer Pavillons am Rheinufer, in denen überwiegend billig produzierter Kitsch verkauft wurde. Yay! Keine Deko, keine Musik, kein Flair. Echt schade.

Ein Highlight gab es dennoch. Der Kalligrafie-Pavillon. Jeder durfte sich bis zu 2 Worte wünschen, die dann von einer der freundlichen japanischen Damen kalligrafiert wurden. Wunderschön. Überwiegend wurden natürlich Worte wie Liebe, Glück, Leben, Hoffnung, Gesundheit oder der eigene Name gewünscht. Ich wollte „Knallbraun“. Oh je. Damit habe ich die arme Dame völlig aus dem Konzept gebracht. Natürlich gab es kein japanisches Zeichen dafür. Sie überlegte hin und her, schlug in einem Wörterbuch nach, fragte all ihre Kolleginnen, es wurde diskutiert und beraten und schließlich fing sie zu schreiben an. Da hätte ich gern stundenlang zugeschaut. Am Ende hat sie ihr Schreibwerk sogar mit einem Signierstempel signiert.

Ist jemand des japanischen mächtig und kann mir sagen, was nun auf meinem Blatt steht? Der Google Translator spuckt bei Knallbraun etwas anderes aus. Egal. Es ist großartig.

Der großartige Gatsby

Schon länger wollte ich „Deutschlands größten Filmpalast“ besuchen. Die Vorpremiere des großen Gatsby schien mir dafür ein angemessener Anlass zu sein. Also machte ich mich auf den Weg nach Essen in die Lichtburg. Ein wunderschönes altes Kino. Ein niedliches Kassenhäuschen vor dem Eingang, roter Vorhang, rote Sitze, ein Balkon, stimmungsvolles Licht, Popcorn mal nicht aus Eimern (in modernen Kinos boykottiere ich das kulinarische Angebot, seit es nur noch „Sparpakete“ in supersize ab 10 Euro gibt). Der Film wurde von einem echten Menschen angesagt und es gab sogar einen Vorfilm. Der große Gatsby gefiel mir auch. So laut und pompös und dabei trotzdem sehr zurückhaltend auf so vielen Ebenen. Hach…

 

 

Halkyonische Tage

„Der von Kopf­weh ge­plag­te Fried­rich Nietz­sche ver­wen­de­te die Me­ta­pher im­mer dann, wenn die Hö­hen­luft der En­ga­di­ner Ber­ge sein Lei­den lin­der­te. Doch die Me­ta­pher geht be­wusst über den per­sön­li­chen Be­zug hin­aus. In der Brut­zeit des Eis­vo­gels (gr. Hal­kyon) zur Win­ter­son­nen­wen­de soll es süd­lich der Al­pen be­son­ders kalt, klar und wind­still sein. Auf der hier­in my­thisch be­schwo­re­nen Nord-Süd-Ach­se wer­den – schein­bar bei­läu­fig – die Mo­ti­ve ei­ner pan­the­is­ti­schen Er­in­ne­rung und ei­ner kli­ma­tisch rei­ni­gen­den Kul­tur­wan­de­rung wach, die mehr ver­spre­chen als nur die Ver­rin­ge­rung von Kopf­schmer­zen.“

Ich nutzte den Feiertag am letzten Donnerstag für einen Besuch der Kunsthalle Düsseldorf. Michael Kunze – Halkyonische Tage. Ein Titel der Erklärung bedarf. Nach der Erklärung (siehe oben) ein wirklich interessanter Titel. Allerdings muss ich gestehen, dass mich die wortreichen Beschreibungen von Ausstellungen oder der Kunst selber meist kalt lassen. Ich mache mir gern ein eigenes Bild. Und ob eine Ausstellung einen hintergründigen Titel hat oder nicht, entscheidet für mich nicht über die Wirkung. Trotzdem lese ich diese Texte jedes Mal. Vielleicht aus Angst davor einen wirklich guten Text zu verpassen?

Die Bilder von Michael Kunze sind beeindruckend. Die meisten sind sehr groß, was die Wirkung noch verstärkt. Sie sind mystisch, verschwommen, wirklich und unwirklich zugleich, sie fesseln die Augen, sind unheimlich und etwas beängstigend. Für mich sind sie alles andere als Tage der Ruhe, an denen der Kopfschmwerz nachlässt. Sie hinterlassen ein Summen in meinem Kopf. Die Bilder sind teilweise so erschreckend realistisch in ihrer Surrealität, dass ich Angst davor habe, was als nächstes passiert. Es stimmt, die Bilder sind ruhig. Sie sind aber nur ruhig, weil sie ein Standbild zeigen. Sie stecken in ihrer Ruhe so voller Bewegung, dass sie fast wabern. Wirklich unheimlich. Unheimlich gut. Aber unheimlich. Bisher haben noch keine anderen Bilder dieses spezielle Gefühl bei mir erzeugt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Juni in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. Ich sage, es lohnt sich.

Daheim Kalender

Ich habe einen wahren Schatz gefunden. Genauer gesagt habe ich ihn sogar geschenkt bekommen. Null Arbeit also mit der Suche, der Graberei usw. Es handelt sich um den „Daheim Kalender 1910“. „Daheim“ war eine Zeitschrift, wöchentlich erschienen von 1864 bis 1943. Zwischen 1872 bis 1935 erschien zusätzlichlich ein jährlicher Daheim Kalender. Ich glaube das war damals so etwas wie ein Familien-, Lebensführung-, Unterhaltungsbuch hauptsächlich für Frauen. Lieder, kurze Geschichten, Anleitungen für Handarbeiten, Naturabbildungen, Kunst und zahlreiche Anzeigen sind darin zu finden.

Allein das Vorsatzpapier verzaubert mich schon ein wenig. Ja, es gibt auch heute noch wunderschön gemachte Bücher und Kataloge, aber keines entlockt mir so schnell Entzückungslaute wie alte Bücher.

Der eigentliche Kalender umfasst lediglich 24 Seiten. Eine Übersichtsseite zu jedem Monat mit einer Auflistung der Wochentage mit Datum, Auf- bzw. Untergangszeiten von Sonne und Mond, Feiertagen etc. und eine Blankoseite für eigene Notizen. Die typische Frau von 1910 hatte scheinbar nicht sehr viele Termine.

Der wahre Schatz verbirgt sich allerdings im Anzeigenteil ganz hinten. Was und vor allem wie da geworben wird, herrlich. Grafisch ein Traum und inhaltlich teilweise so unfreiwillig komisch. Ich habe bei der Lektüre Tränen gelacht.

Wusstet ihr das Sylt den „stärksten Wellenschlag der Westküste“ hat?

In Chemnitz gab es mal die größte Schwarz-Färberei der Welt. Jährlich über 6 Millionen Dutzend Paar Strümpfe wurden dort schwarz gefärbt. „Vollständig giftfrei und durchaus haltbar“. Kaum vorzustellen, dass es vor 100 Jahren noch etwas besonderes war, Stoffe schwarz zu färben.

Sehr witzig sind aber auch die Anzeigen gegen Korpulenz und Magerkeit direkt nebeneinander. Derselbe Anbieter wirbt hier in verschiedenen Schriften für seine Mittelchen. Natürlich „streng reell – kein Schwindel“. Grolichs Haarmilch direkt darunter ist aber auch nicht schlecht. Schon nach zwei Tagen der Anwendung wird graues Haar wieder braun.

Unentbehrlich für Damen sind natürlich Hartmann’s Gesundheits-Binden mit, und jetzt bitte ganz genau mitlesen, Patent-Holzwollwatte-Füllung. Aaaah! Ich war noch nie so froh im Jetzt zu leben. Das allerbeste an dieser Anzeige ist allerdings der Zusatz „man verlange ausdrücklich Hartmann’s Original Befestigungsgürtel hierzu“. Ein Befestigungsgürtel für Binden? Davon hätte ich zu gerne ein Bild.

Das Vorher- Nachherbild der Reise- und Schlafdecke finde ich auch sehr charmant. Vorher: „Oh, diese kurzen feuchten Hotelbetten bringen mich noch zur Verzweiflung, wenn dafür Abhilfe geschaffen würde.“ Kurze feuchte Hotelbetten. Da schüttelt es mich. Nachher: „Ah, eine famose Idee, diese mollige Reise- und Schlafdecke endlich mein eigenes Bett auf der Reise.“ Allein aufgrund des Wortes famos, gefällt mir diese Anzeige schon außerordentlich. Famos ist ein ganz famoses Wort. Ich finde es sollte viel öfter gebraucht werden!

Ich könnte stundenlang in solchen Büchern blättern. Einfach traumhaft. Der Geruch, die vergilbten Seiten und in diesem Fall auch noch der fabelhafte Inhalt. Ich möchte in einem Antiquariat wohnen!