Das neue Wundermaterial

In der Linoldruckerszene (gibt es so eine?) hörte man in letzter Zeit hier und da geflüstertes Gemurmel über ein ultraneues Hightech-Material. Es soll das herkömmliche Linoleum ersetzen. Es ist viel besser und toller, als alles bisher gekannte. Ich vernahm sogar schon die Worte: „Ich werde nie wieder Linoleum benutzen!“ Woohoo. Angefixt von so viel stiller Begeisterung, wollte ich auch mit dem neuen Material arbeiten. Bei Boesner wurde groß angekündigt: „Wir haben es!“. Allerdings war die erste Lieferung der heißen Ware so schnell ausverkauft, dass Menschen, die sich im normalen Temporahmen bewegen, einfach keine Chance hatten, etwas davon zu ergattern. Die zweite Lieferung ließ lange auf sich warten, aber endlich bin auch ich im Besitz einer Packung „SoftCut-Platten“.

Meine erste Erfahrung mit diesem neuen Material, möchte ich natürlich niemandem vorenthalten.

SoftCut-Platten gibt es in verschiedenen Größen von 7,5 x 7,5 cm – 20 x 30 cm in Packungen à 10 Stück. Einzelne Platten sind leider nicht erhältlich. SoftCut-Platten sind teurer als Linoleum, allerdings liegt der Preisunterschied bei weniger als einem Euro pro Platte, ist also durchaus zu vernachlässigen.

SoftCut-Platten

Das Material ist 3 mm stark und etwas „wabbelig“. Diese Weichheit macht die Handhabung etwas schwieriger, ermöglicht aber dafür auch Drucke auf gebogenen Flächen. Um mir die Arbeit zu erleichtern, habe ich einfach ein Stück Fotokarton unter die Platte geklebt. Anti-wabbel-Karton quasi. Das hat ganz gut funktioniert. Meine Packung enthielt übrigens keine einzige SoftCut-Platte im angegeben Maß von 10 x 15 cm. Sie sind alle ein paar Millimeter kleiner oder größer. 8 Platten sind aber immerhin exakt gleich groß, eine ist breiter und eine länger als alle anderen. Das ist nicht wirklich schlimm, da ich selten Motive drucke, die bis zu allen 4 Rändern einer Druckplatte reichen, aber trotzdem ein wenig schade.

Die SoftCut-Platten sind viel heller als Linoleum. Vorgezeichnete Skizzen sind also viel besser zu erkennen.

Skizze auf der Platte

Die Platten sind aus einem festen Gummi. Nicht so weich wie Stempelgummi und nicht so brüchig wie Linoleum. Mit diesem Material sind viel feinere Linien möglich. Allerdings ist es dadurch auch nicht ganz leicht zu schneiden. Es fühlt sich ungefähr so an, wie ein Gummibärchen mit einem Küchenmesser zu zerschneiden. Grundsätzlich lässt es sich leicht bearbeiten, ist aber an einigen Stellen störrisch, zäh und einfach gummiartig. Einige Schnitztechniken, die ich mir beim Linoleum angewöhnt habe, funktionieren mit SoftCut-Platten einfach nicht.

Die fertig geschnitzte Platte

Durch die sehr glatte und nicht saugende Oberfläche lässt sich die Farbe auf den SoftCut-Platten sehr leicht aufwalzen. Linoleum ist etwas rauher und gibt die Farbe nicht ganz so freudig auf das Papier ab. Das ist besonders dann zu spüren, wenn man wie ich ohne Druckpresse arbeitet.

Die Farbe lässt sich gut verteilen

Ein Unterschied im Druckbild ist nicht zu erkennen. Der handwerkliche Charakter des Drucks bleibt erhalten, aber es kostet weniger Muskelkraft ihn zu erzeugen. Das gefällt mir sehr. Ob ich in Zukunft nur noch SoftCut-Platten verwenden werde, weiß ich aber noch nicht. Ich muss noch etwas herumexperimentieren und das Material erst richtig kennenlernen. Es hat sowohl Vor- als auch Nachteile und ich brauche noch ein Weilchen, um herauszufinden welche überwiegen.

Der fertige Druck

Eine Frage bleibt allerdings noch. Ist ein Druck mit einer SoftCut-Platte ein Linoldruck? Technik, Arbeitsprozess und Farbe bleiben gleich, aber das namensgebene Material ist ein anderes. Hmm …

 

 

 

10 Kommentare

  1. Oh toll! Ich will das Zeug auch. Kann man mittlerweile auch als Otto-Normalverbraucher bei Boesner kaufen? Als Studentin früher war das ja kein Problem, aber jetzt bin ich nix offiziell künstlerisches mehr… Mhh. Da muss ich mich wohl mal informieren. Großartiger Tipp! Und toller Druck…

  2. welch feine expertise! danke. ja, ich glaube, das werd ich haben wollen zum ausprobieren. vielleicht bleiben dann die finger leichter heil? und zum namen: jaja, das ist die frage. mir gehts auch immer so mit diesen tuschestiften, die aber eigentlich gar keine richtige tusche enthalten. hmhm, tuschezeichnung oder nicht?
    liebe grüße und ebensolchen dank, dem kessen herrn piraten und dir.

  3. Oh, „zwischen Stempelgummi und Linol“ könnte ja dann auch was für’s Stempelschnitzen sein? Mir ist Stempelgummi immer zu weich – gerade wenn es detailliert wird, schneide ich zu schnell zu viel weg.

    Viele Grüße
    annette

    • Ja, klar. Wenn ein Klötzchen oder etwas ähnlich hartes und festes auf die Rückseite geklebt wird, könnten das wunderbare Stempel werden. Wobei ich das weiche Stempelgummi sehr mag. Es ist nur leider verhältnismäßig teuer.

  4. Ich sitze auch gerade vor meiner ersten Softcut Platte (ebenfalls von Boesner) und bin ganz gespannt!
    Mich würde ja interessieren, mit was für einem Stift du auf der Platte gezeichnet hast – denn Bleistift geht fast gar nicht, versuche es gerade mit Kohle.
    Und: Hast du die geriffelte oder die glatte Seite genommen?
    Dein Motiv sieht auf jeden Fall spitze aus – ich versuche mich jetzt an einem Fuchs:)

    • Hallo Julia,

      ich habe mit einem sehr weichen Bleistift auf die Platte gezeichnet. Auf die glatte Seite. Die ist glaube ich auch besser zum Drucken geeignet. Bei meinen Platten sind auf der rauhen Seite zusätzlich noch so (wie soll ich es bloß nennen?) geprägte Kreise. Die stammen wahrscheinlich von der Maschine, Walze oder was auch immer bei der Herstellung. Ich glaube, das wäre sehr unschön für das Druckbild.

      Viel Spaß beim rumprobieren!

  5. Ich habe vor ein paar Wochen das erste Mal Druckstöcke vorbereitet. Beim Einkauf der Utensilien hab ich Soft Cut entdeckt und auch gleich einmal mitgenommen. Ich komme damit wunderbar zurecht. Besonders geschwungene Linien lassen sich leicht einarbeiten. Leider sind die Größen der Platten nicht gleich, was für mich ein Problem ist, da ich mit vielen Platten im Mosaiktechnik arbeite. Nun suche ich nach großen Formaten, also etwa 50 x 70 cm. Weiß jemand, wo ich solche Formate herbekommen kann? Bis jetzt bin ich leider noch nicht fündig geworden. Infos dazu gern an info(at)anett-muennich.de. Danke.

  6. Hallo ,

    Suche auch das Format ca. 50×70. Wäre schön, wenn ihr das hier sagen könntet wo´s das gibt.

    Danke 🙂

  7. Hallo Mo!

    Ich hab vor längerer Zeit schon mal deinen Artikel gelesen und bin jetzt wieder drauf gestoßen, als ich nach einer besseren Möglichkeit gesucht habe, ein Motiv auf meine Softcut Platten aufzuzeichnen.

    Also es geht kein Stift wirklich gut – am ehesten noch der weiche Bleistift. Meine Platten sind so ‚ölig‘ auf der glatten Seite – ich hab sie schon mit Alkohol abgerieben und mit weißer Acrylfarbe bemalt, um besser darauf zeichnen zu können – hilf aber auch nicht besonders…

    Von einer befreundeten Künstlerin aus den USA weiß ich, dass es auch weiße Platten gibt, auf die sich hervorragend zeichnen lässt (die Versandkosten allerdings…:()
    Wo hast du denn deine her? Auch von Boesner?
    Waren die auch so ‚ölig‘? Stört das nur mich so?

    Ganz liebe Grüße!
    Julia

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